Um den Chiemsee in sechs Etappen und zwei Tagen

Die größte Attraktion am Chiemsee ist nur mit dem Boot erreichbar: die Herreninsel mit Bayerns Antwort auf Schloss Versailles. Manche Touristen schauen sich außer dieser Märchenwelt von Ludwig II. nichts weiter an. Ein Fehler – wie jeder merkt, der den See einmal umrundet.

Blick auf die Fraueninsel von Gstadt© Chiemgau Tourismus e.V.

Von Christian Röwekamp

Wer ohne Pausen in die Pedale tritt, kann den Chiemsee in knapp drei Stunden mit dem Fahrrad umrunden. Es gibt Einheimische, die das regelmäßig machen – Ausdauertraining mit Blick auf die Chiemgauer Alpen und das „Bayerische Meer“. Wer als Urlauber in den Fahrradsattel steigt, nimmt sich dagegen meist mehr Zeit, und das aus gutem Grund: Viel ist unterwegs zu entdecken, wenn das Tempo gemächlich bleibt, und ein paar lohnende Abstecher gibt es auch.

Die Reise beginnt in Übersee

Übersee – was für ein Name! Er klingt nach Segeln in den Tropen, nach Palmen und exotischen Früchten. Und er eignet sich dazu, Kollegen und Nachbarn etwas ins Staunen zu versetzen, wenn man erzählt, man starte gerade einen Kurztrip nach Übersee. Der Ort an der Südostecke des Chiemsees ist ein exzellenter Ausgangspunkt für eine Umrundung, weil er perfekt passt, um diese auch wieder zu beenden.

Zunächst aber heißt es, eine Entscheidung zu treffen: Welcher der beiden Radwege soll's denn sein? Seit dem Jahr 2009 gibt es am Chiemsee das sogenannte Zwei-Wege-Konzept. Da ist zum einen der 57 Kilometer lange, auf Karten blau eingezeichnete Chiemsee-Rundweg. Er ist für langsame Radler, Familien, Nordic-Walker und Fußgänger gedacht. Und es gibt zum anderen den 55 Kilometer langen und orange markierten Chiemsee-Radweg für sportliche, schnellere Radfahrer.

Ostufer Chiemsee© Chiemgau Tourismus e.V.

„Auf dem Chiemsee-Radweg ist man manchmal etwas mehr auf der Anhöhe unterwegs und hat dann einen schönen Blick auf den See herunter“, sagt Nina Glasow, die sich beim Chiemgau Tourismus um Fahrradthemen kümmert. Der Chiemsee-Rundweg dagegen bleibt an manchen Stellen näher am Seeufer, dafür muss man als Radler dort die Konkurrenz durch die Fußgänger in Kauf nehmen. In einigen Orten wie Chieming am Ostufer sind die Uferpromenaden auch komplett den Fußgängern vorbehalten.

Nun also die Entscheidung in Übersee. Der schnelle Radweg führt nach Westen zwar am Seeufer entlang, aber dafür lärmt dort auch die Autobahn A8 ganz schön. Also soll es lieber der gemütlichere Rundweg sein – bei dem man den Chiemsee aber erstmal aus dem Blick verliert. Denn es geht durch Wälder, an friedlich grasenden Kühen vorbei und am Nordrand des Naturschutzgebietes Kendlmühlfilzen entlang, eines der größten Hochmoore in Süddeutschland. Erst 1985 wurde der industrielle Torfabbau hier eingestellt. Das Bayerische Moor- und Torfmuseum etwas östlich von Bernau erinnert Besucher an diese vergangene Zeit.

In Prien wird es eng – Ausflügler drängen zum Anleger

Prien, etwas nördlich von Bernau, ist der größte Ort am See. Hier ist die Region am stärksten vom Tourismus geprägt: Auf dem Rundweg wird es hier merklich voller, viele Ausflügler sind zu Fuß unterwegs, die kleine Chiemseebahn verbindet den Bahnhof mit dem Hafen. Dort steht der Parkplatz voller Reisebusse und Autos, Tourenanbieter verkaufen Tickets für Ausflugsfahrten hinüber zur Herren- und zur Fraueninsel.

Irgendwann geht es mit dem Fahrrad nur noch schiebend voran. Bis zum Anleger am Ende der Seestraße sollte man sich aber schon vorkämpfen. Von der Promenade aus hat man einen schönen Blick hinüber zu Schloss Herrenchiemsee, das Bayerns König Ludwig II. von 1878 bis 1885 auf der Herreninsel bauen ließ – bis kein Geld mehr dafür vorhanden war.

Betend und fluchtend zur Ratzinger Höhe

Wer einen ganz anderen Ausblick auf den See genießen will, kann sich in Prien oder im nördlichen Nachbarort Rimsting gen Westen wenden – und erlebt sich beim Gedanken an das Wort Ratzinger anschließend fluchend und betend, immer schön abwechselnd. Mit dem Papst aus Bayern hat das alles nichts zu tun, die Anhöhe nahe Greimharting hat nur denselben Namen. Der Weg wird für den ungeübten Großstadtmenschen nur irgendwann so steil, dass er sich einerseits verflucht, ihn angetreten zu haben – und zugleich dafür betet, er möge bald zu Ende sein. Irgendwann reicht auch der kleinste Gang in der Schaltung des Rades nicht mehr aus. Absteigen, schieben, ankommen – verschnaufen.

Blick auf Kampenwand© Chiemgau Tourismus e.V.

Die Ratzinger Höhe, 694 Meter über dem Meeresspiegel, ist die höchste Erhebung direkt am Chiemsee. Es gibt einen zur Landesgartenschau 2010 in Rosenheim errichteten Aussichtsturm, von dem aus man hinüber zur Kampenwand und zum Hochfelln in den Chiemgauer Alpen sehen kann. Für einen Blick auf den See eignet sich der Turm allerdings nicht so gut. Lohnender ist ein kleiner, hinter einem Wäldchen etwas versteckter Aussichtspunkt nordwestlich des Ausflugslokals „Gasthof Weingarten“. Herreninsel, Fraueninsel, Segelboote, dahinter die Alpen – was für ein Panorama breitet sich aus! Mit viel Schwung geht es dann wieder herunter zum See, bei Tempo 50 immer beide Hände an den Bremshebeln.

In Seebruck verschmelzen zeitweise Mozart-Radweg und Klosterweg

Von Gstadt aus ist der Weg per Boot hinüber zur Fraueninsel mit dem Benediktinerinnen-Kloster am kürzesten – entsprechend voll ist auch hier der Parkplatz. Der Chiemsee-Rundweg verläuft nun für einige Zeit unter hohen Bäumen am Wasser entlang nach Nordosten. Seebruck kommt in Sicht, ein Ort mit einem beliebten Strandbad und Blick auf die Berge. Hier verschmelzen Chiemsee-Rundweg und -Radweg zeitweise mit anderen Routen wie dem 450 Kilometer langen Mozart-Radweg und dem Klosterweg zu den drei Klöstern Frauenwörth, Seeon und Baumburg. „Das Radwegenetz der Region umfasst insgesamt 20 Themenrouten mit 1400 Kilometern Strecke“, sagt Jens Hornung von Chiemgau Tourismus.

Mit der Fähre über die Alz auf Trinkgeldbasis

Am Nordufer des Chiemsees gibt es ein paar Stellen, an denen sich Radfahrer, Fußgänger und Autoverkehr sehr nahe kommen. Wer davon im Wortsinn Abstand nehmen möchte, kann auf dem Skulpturenweg und dem Klosterweg ein wenig weiter nach Norden fahren. Das Kloster Seeon liegt direkt an einem See und ist ein Tagungshotel. Zwar kommt man als vorbeiradelnder Tourist nicht hinein, einen Blick in die Kirche und in den Innenhof kann man aber werfen. Und im Kloster Baumburg in Altenmarkt an der Alz etwas weiter östlich gibt es eine Brauerei, in deren Biergarten man – passend zur Tour – ein Radler trinken kann.

Zwischen Seeon und Altenmarkt wartet die Strömungsfähre über die Alz. Man könnte natürlich auch die Straßenbrücke nehmen, um diesen Abfluss des Chiemsees zu überwinden, der das Seewasser 60 Kilometer weiter an den Inn übergibt. Aber das wäre ja kein besonderes Erlebnis. Also: auf zum „Gasthaus Roiter“, das am Westufer der Alz zu finden ist.

Katharina und Wolfgang Koten sind die Wirtsleute und bieten Wanderern und Radfahrern eine Fährüberfahrt auf Trinkgeldbasis an. Die Fähre hängt an einem Drahtseil über dem Fluss und wird von der Strömung der 1,50 bis 2 Meter tiefen Alz bewegt. „An stressigen Tagen fahre ich 50 bis 100 Mal“, sagt Wolfgang Koten. „Wann immer das Gasthaus geöffnet hat, kann man auch die Fähre nutzen“ – an Wochenende und Feiertagen ab 11.00 Uhr, sonst ab 13.00 Uhr, Dienstag und Mittwoch sind Ruhetage. Am Ostufer gibt es eine Klingel, um den Fährmann zu rufen. Am rund 120 Meter entfernten Wirtshaus bimmelt dann eine Glocke.

Von Seebruck über Chieming nach Übersee und immer die Alpen vor Augen

Nun auf zur letzten Etappe, die Chiemgauer Alpen liegen jetzt auf dem Weg von Altenmarkt oder Seebruck nach Süden beständig vor Augen. In Chieming wird es wieder voll, ein weiterer beliebter Touristenort. Und dann geht es bald auf das Naturschutzgebiet an der Mündung der Tiroler Achen zu. Denn so wie der Chiemsee mit der Alz einen Abfluss hat, besitzt er auch einen Zufluss – der pro Jahr neben viel Wasser auch 200 000 Kubikmeter Feinmaterial und 10 000 Kubikmeter Sand und Kies aus den Bergen herbei spült. Die Mündung der Tiroler Achen gilt damit als einziges sich natürlich entwickelndes Binnendelta Europas.

Bei Seebruck© Chiemgau Tourismus e.V./Norbert Eisele-Hein

Die Sand- und Kiesbänke schieben sich jedes Jahr um einige Meter nach Norden in den See hinein. Der Chiemsee wird dadurch in den kommenden Jahrtausenden immer weiter verlanden und kleiner werden. Aus der Nähe anschauen kann man sich das nicht, denn das Mündungsdelta ist ein Naturschutzgebiet, das niemand betreten darf. An der Hirschauer Bucht südlich von Chieming und am Aussichtspunkt Lachsgang nördlich von Übersee gibt es jedoch Beobachtungstürme, in denen sich Radler und andere Touristen informieren können über die Haubentaucher, Tafel-, Löffel- und Kolbenenten, Sandregenpfeifer und Karmingimpel, die es hier gibt. Von den 300 Vogelarten am Chiemsee brütet etwa die Hälfte hier, im Winter sind bis zu 30 000 Zugvögel aus dem Norden zu Gast.

Vom Lachsgang zurück zum Ausgangspunkt der Tour sind es nur ein paar Minuten mit dem Fahrrad. Die Sonne sinkt schon in Richtung Horizont – Zeit für die große Show im Strandbad Übersee, von dem der Blick weit über den See nach Westen reicht und das an diesem Tag das gemeinsame Ziel eines großen Teils der Bevölkerung von München ist. Während das Abendlicht immer weicher wird, klingt die Chiemsee-Umrundung aus mit den Füßen im sanft schwappenden Wasser, einem kühlen Getränk in der Hand – und dem Gedanken, dass es vielleicht nirgendwo in Bayern einen so schönen Sonnenuntergang gibt wie hier am Südostufer des Chiemsees.

(dpa/tmn)

 

Reiseziel: Der Chiemsee südöstlich von München ist mit 64 Kilometer Uferlänge (ohne Inseln) und einer Fläche von etwa 80 Quadratkilometern der größte See Bayerns. Sein Wasservolumen beträgt knapp 2,05 Kubikkilometer.

Anreise: Die Autobahn A8 (München-Salzburg) führt direkt am Südufer des Sees entlang, Abfahrten gibt es in Bernau, Felden und Übersee. Von München aus sind es rund 90 Kilometer Autofahrt. Züge von München nach Prien, Bernau und Übersee brauchen etwas mehr als eine Stunde. Der Chiemsee-Ringbus umrundet den See im Sommer mehrmals am Tag und nimmt in seinem Anhänger bis zu 22 Fahrräder sowie 6 E-Bikes mit.

Klima und Reisezeit: Im Hochsommer oft Tagestemperaturen um 25 Grad. Regen- und Schönwetterlagen wechseln sich im Voralpenraum ab. Für Fahrradurlaube eignen sich vor allem Mai/Juni und der September.