Ski-WM in St. Moritz: Unterm Pelzmantel schlägt ein sportliches Herz

Pferderennen, Champagner und kiloweise Kaviar: Im Winter wird St. Moritz zur glamourösen Bühne des Jetset. In dieser Saison aber sind nicht die Schönen und Reichen die Stars im Schweizer Engadin, sondern die Schnellen und Starken – bei der alpinen Ski-WM 2017.

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Von Bernhard Krieger

Bei St. Moritz denken viele an Luxushotels, Sportwagen und abgehobene High-Society-Events. Eine Winterwunderwelt der Eitelkeiten. Faszinierend und anziehend für die einen, aber auch einschüchternd und abschreckend für die anderen. Das Prädikat Nobelskiort ist Fluch und Segen zugleich, die alpine Ski-Weltmeisterschaft deshalb eine willkommene Gelegenheit zur Imagekorrektur. Mit den Rennen vom 6. bis 19. Februar 2017 wollen die Engadiner der Welt wieder einmal ihre sportliche Seite präsentieren.

Kaum hatte der Hotelier Johannes Badrutt vor mehr als 150 Jahren in St. Moritz den Wintertourismus erfunden, lieferten sich seine englischen Gäste schon alle möglichen Wettkämpfe. Erst stürzten sie sich bäuchlings auf Schlitten liegend eine Eisbahn hinunter (Skeleton). Wenig später erfanden sie den Bob, um damit zu zweit durch den Eiskanal zu rasen. Das legendäre Cresta-Rennen der Skeleton-Hasardeure gibt es bis heute. Die St. Moritzer Bobbahn ist der älteste und mittlerweile einzige Natureiskanal der Welt.

Das Skifahren wurde spätestens nach der Eröffnung der ersten Schweizer Skischule 1929 in St. Moritz zum Volkssport. Heute zählt der auf 1800 Metern gelegene Ort auf der Südseite der Graubündner Alpen zu den besten Skiarenen der Welt. Umgeben von Drei- und Viertausendern ziehen sich insgesamt mehr als 500 Kilometer Langlaufloipen durch das Hochtal. Und rund um den St. Moritzer See schlängeln sich 88 Skiabfahrten mit einer Gesamtlänge von rund 350 Kilometern die Hänge hinab. Davon sind 20 Prozent leicht und 70 Prozent mittelschwer. Das ist ideal für Ski-Normalos. Könner finden neben einer Handvoll schwerer Pisten unzählige Möglichkeiten für Freeride-Abfahrten und Ski-Touren.

Drei Skiberge stehen zur Auswahl. Die ruhige Diavolezza (2978 Meter) wartet mit der längsten Gletscherabfahrt der Schweiz über zehn Kilometer auf. Der bodenständige Corvatsch (3303) punktet mit der längsten Nachtskipiste von 4,2 Kilometern. Und der 3056 Meter hohe Hausberg Corviglia ist mit seinen Luxus-Hütten der Hotspot der feinen St. Moritzer Skigesellschaft. Preisunempfindliche Gäste lassen sich dort in der Hütte „El Paradiso“ und im Gourmet-Restaurant „La Marmite“ in der Bergstation der Zahnradbahn Chantarella verwöhnen.

Genau zwischen diesen beiden Genießer-Tempeln inszeniert Franco Giovanoli im Februar die „kompakteste Ski-WM aller Zeiten“. Der Direktor der Ski WM St. Moritz 2017 ist besonders stolz darauf, dass sich einer der größten Sportanlässe der Schweiz harmonisch in das Skigebiet einfügt. Alle Rennen werden auf einer einzigen Piste ausgetragen, das Skifahren ist für die Touristen während der WM kaum eingeschränkt. Unter der Rennpiste wurden eigens Tunnel angelegt, so dass Skifahrer und Snowboarder problemlos von einer Seite des Skigebiets auf die andere wechseln können.

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Eintritt wird nur im Zielstadion verlangt. Entlang der Rennpiste können Skiurlauber kostenlos zuschauen. In der Fußgängerzone und rund um die Siegerehrungen auf der neu angelegten Medal Plaza am Kulm Park werden täglich kostenlose Konzerte und Events stattfinden. Der Nobelort bemüht sich um Volksnähe. Tourismusdirektorin Ariane Ehrat hat für die Ski-WM sogar eine Charme-Offensive gestartet. Die zuweilen eher introvertierten Engadiner sollen offener auf ihre Gäste zugehen, Service-Mitarbeiter wurden eigens geschult.

Nicht nur für die St. Moritzer ist die Ski-WM im Engadin ein Höhepunkt, auch für die Athleten. Die Rennen finden vor der einzigartigen Kulisse des Bergsees und des 4049 Meter hohen Piz Bernina statt. Der deutsche Skistar Felix Neureuther schwärmt von der beeindruckenden Natur in Südosten der Schweiz: „St. Moritz und das gesamte Oberengadin wirken auf mich immer wie eine entschleunigte Region mitten in Zentraleuropa.“ Wenn die roten Züge der Rhätischen Bahn gemächlich durch die Täler rattern, vorbei an Winterwanderern und Langläufern, dann scheint die Zeit tatsächlich stillzustehen.

Ganz anders ist es bei den Rennen, wo es um Hundertstelsekunden geht –  vor allem auf dem steilsten WM-Starthang der Welt. Freier Fall heißt der furchteinflößende Auftakt der Abfahrt. In sechs Sekunden beschleunigen die Rennfahrer auf 140 km/h. Für Skiurlauber ist dieser fast senkrechte Pistenabschnitt gesperrt. Von der letzten Stütze der Piz-Nair-Seilbahn führen aber 187 Treppenstufen hinauf. Oben sichert ein Gurt die Mutigen, die sich in die Startposition begeben und hinauslehnen. „Da fühlst du dich wie beim ersten Kopfsprung vom Fünfmeterbrett“, sagt Bernhard Russi. Die Schweizer Skilegende hatte den Freien Fall schon für die WM 2003 konstruiert.

Insgesamt findet die Ski WM zum fünften Mal in St. Moritz statt, so häufig wie in keinem anderen Ort. Skirennsport ist Teil der St. Moritzer DNA – mehr als die Pferderennen, Poloturniere und ausschweifenden Partys im Dracula-Club, in dem einst Playboy Gunter Sachs legendäre Feste feierte.

St. Moritz ist mit durchschnittlich 322 Sonnentagen im Jahr gesegnet. Dank der Höhe bleibt der Schnee trotzdem pulvrig trocken. Die Pisten sind bis ins späte Frühjahr schneesicher –  doch selten voll. „Wegen unserer Abgeschiedenheit kommen praktisch keine Tagesgäste“, erklärt Skilehrerin Susi Wiprächtiger. Und 40 Prozent der Urlauber in der Hauptsaison gingen sowieso nicht Skifahren –  nicht mal auf der ersten Yoga-Piste der Welt, auf der es ganz bewusst langsam zugeht.

Anders im WM-Areal nebenan: Dort können sich Skiurlauber die ganze Saison über als Rennfahrer versuchen. Auf der FIS-Piste wurde ein 400 Meter langer Riesenslalom mit Original-Weltcup-Starthaus, Zeitmessung und Video-Kameras eingerichtet. Nach der Fahrt lässt sich das Rennvideo herunterladen. Als persönlicher Beweis dafür, dass es in St. Moritz nicht nur nobel, sondern auch sportlich zugeht.

 

Anreise:

Bequem und umweltschonend ist die Anreise mit der Bahn. Nächster internationaler Flughafen ist Zürich. Mit dem Auto reist man aus Norden über Chur oder Landeck an.

Reisezeit:

Die Skisaison dauert von Ende November bis Anfang Mai. Beste Reisezeit ist von Mitte Dezember bis Ende März.

Ski-WM:

Die alpine Ski-WM vom 6. bis 19. Februar 2017 findet zum fünften Mal in St. Moritz statt.

 

(dpa/tmn)