Rekorde und Rückschläge - Ein Jahr Bahnchef Richard Lutz

Ein Jahr Bahnchef und doch oft unerkannt: Richard Lutz führt den Konzern unaufgeregt. Noch immer plagen die Bahn zu viele Verspätungen. Die Fahrgäste strömen dennoch in die Züge.

© dpa

Von Bernd Röder

Nein, ein Traumjob war Bahnchef für ihn nicht, das machte Richard Lutz klar, als er vor einem Jahr zum Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn berufen wurde. Er wäre wohl noch einige Jahre Finanzvorstand geblieben, wenn nicht Rüdiger Grube damals überraschend hingeworfen hätte. Ja, er empfinde Respekt vor seiner Aufgabe, sagte Lutz bei seiner Ernennung. Aber auch: „Ich will und werde das zu 150 Prozent machen.“

Er tut das, wie es seinem Naturell entspricht: Unauffällig und mit ruhiger Hand. Anders als seine Vorgänger Hartmut Mehdorn und Rüdiger Grube sucht der 53-Jährige weniger das Licht der Öffentlichkeit. So kommt es auch, dass er nach wie vor oft nicht erkannt wird, wenn er Zug fährt, wie er selbst sagt. Im Staatskonzern Bahn ist Lutz jedoch tief verwurzelt. Seit 1994 ist der promovierte Betriebswirt im Unternehmen, seit 2010 im Vorstand.

Exakt ein Jahr nach seiner Bestellung für fünf Amtsjahre, am 22. März, wird Lutz mit seinen Vorstandskollegen die Bilanz für 2017 ziehen. Soweit aus dem Umfeld des Aufsichtsrats bereits durchgesickert ist, sind die Zahlen vorzeigbar. So hat die Bahn einen Rekordumsatz von 42,7 Milliarden Euro erzielt. Das sind 2,1 Milliarden mehr als 2016. Die Fahrgastzahl stieg ein weiteres Mal, um 1,5 Prozent auf 2,05 Milliarden Fahrten.

Zugleich hat die Bahn mehr verdient. Der bereinigte Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) erhöhte sich um rund 200 Millionen auf 2,15 Milliarden Euro. Lutz erfüllt damit die vor einem Jahr gesetzten Ziele. Andererseits: Die Bahn hat vor fünf Jahren mit weniger Umsatz auch schon ein besseres Ergebnis erreicht. Es ist wohl vor allem die schwächelnde Güterbahn, die die Bilanz belastet.

Als Mann der Kontinuität hat Lutz bei Amtsantritt darauf verzichtet, ein neues Reformprogramm auf den Weg zu bringen. Das begonnene wollte er fortsetzen, die Bemühungen um Qualität würden dann schon Früchte tragen. Auf dem Weg dorthin will der Bahnchef angreifen, das heißt die Investitionen in Züge und Infrastruktur erhöhen, auch wenn die Schulden dadurch steigen. In das Schienennetz und die Modernisierung von Bahnhöfen sollen in diesem Jahr 9,3 Milliarden Euro fließen.

Bei der Pünktlichkeit hapert es noch

In seinem ersten Jahr hat Lutz allerdings Rückschläge hinnehmen müssen. So wurde das Pünktlichkeitsziel verfehlt. Nur 78,5 Prozent aller ICE und Intercity waren 2017 pünktlich, 0,4 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Angepeilt waren 81 Prozent. Stürme und Brandanschläge waren daran schuld, aber auch hausgemachte Probleme wie Baustellen und Störungen am Schienennetz und an den Zügen. Lutz hält dennoch daran fest, die Quote in diesem Jahr auf 82 Prozent zu erhöhen.

Zusammen mit Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla muss der Bahnchef für das Projekt Stuttgart 21 geradestehen. Ende Januar erhöhte der Konzern die Kostenprognose. Jetzt sollen es 7,7 Milliarden Euro sein, mit einem Finanzpuffer für unvorhergesehene Ereignisse sogar 8,2 Milliarden.

Unschön war auch der Start der neuen Paradestrecke von Berlin nach München. Kaum war die Hochgeschwindigkeitstrasse freigegeben, da wurden einige ICE von Technik-Problemen ausgebremst. Die Kinderkrankheiten sind überwunden und die Strecke wird so gut angenommen, dass die angestrebte Verdoppelung der Fahrgastzahl wohl mindestens erreicht wird.

In sein zweites Amtsjahr startet Lutz mit einer neuen Bundesregierung und dem neuen Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) als erstem Ansprechpartner beim Bahn-Eigentümer Bund. Die erneuerte Koalition hat mit der Bahn viel vor, das bietet Chancen für Lutz, könnte aber auch seine Handlungsfähigkeit einschränken.

Im Koalitionsvertrag, dem die SPD ihren Stempel aufgedrückt hat, ist von einem „Schienenpakt von Politik und Wirtschaft“ die Rede, demnach sollen bis 2030 doppelt so viele Menschen mit der Bahn fahren und mehr Güter auf der Schiene transportiert werden. Mit Förderprogrammen sollen mehr Strecken elektrifiziert und vor allem kleinere Bahnhöfe attraktiver gemacht werden.

„Für uns steht als Eigentümer der Deutschen Bahn AG nicht die Maximierung des Gewinns, sondern eine sinnvolle Maximierung des Verkehrs auf der Schiene im Vordergrund“, heißt es im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD. Volkswirtschaftliche Ziele wie die Steigerung des Marktanteils der Schiene sollen sogar in den Satzungen der Netz- und der Bahnhofstochter verankert werden. Lutz kann also auf mehr Geld vom Bund hoffen, muss aber zugleich befürchten, dass die Politik noch stärker als bisher in Entscheidungen seines Unternehmens hineinregieren wird.

(dpa)