Die Kalahari Südafrikas: Unterwegs im Reich der Erdmännchen

Das Nordkap Südafrikas ist eine Region voller Gegensätze: Savannen, in denen jahrelang kein Tropfen Regen fällt, gibt es dort ebenso wie eines der erfolgreichsten Weinanbaugebiete des Landes. Ein Streifzug entlang der Grenze zwischen Botsuana und Namibia.


Von Julia Ruhnau

 

Die Morgensonne sendet feurige Strahlen in die noch nachtkalte Luft. Vorbotin eines flirrend heißen Tages, kitzelt sie die müden Glieder nach einer kurzen Nacht. Wir stehen verschlafen vor einem Gebäude am Rand des Kgalagadi-Transfrontier-Nationalparks, im Norden Südafrikas, nahe der Grenze zu Botsuana. Und wir sind nicht allein. Neugierig hoppeln flauschige Tierchen mit spitzen Gesichtern über den roten Sand auf uns zu – die Erdmännchen sind wach.

„Passt auf eure Knöchel auf“, warnt Jaco Reichert, Mitarbeiter des Reservats, in dem wir heute in die Welt der quirligen Mangusten eingeführt werden. Denn Toto, ein griesgrämiger und besonders moppeliger Vertreter seiner Art, lässt seine schlechte Morgenlaune gerne an den nackten Beinen unvorsichtiger Besucher aus. Die anderen Erdmännchen richten sich auf die Hinterbeine auf und strecken ihren dunklen Bauch der aufgehenden Sonne entgegen. „Das ist ihr Morgenkaffee“, sagt Reichert schmunzelnd.

 

Reichert arbeitet für das Schutzzentrum Kalahari Trails, das verwaiste oder aus Gefangenschaft stammende Erdmännchen aufnimmt. Der schlecht gelaunte Toto scheint sich hier wohlzufühlen: Vertrauensvoll klettert er auf Reicherts Schulter und genießt die Rundumsicht. Spike, ein verspielter Halbstarker, wetzt durch die Sanddünen, deren Geheimnisse uns auf einem kurzen Spaziergang über das Gelände gezeigt werden. Da sind zum Beispiel die Spuren der Dancing White Lady, einer handtellergroßen Spinnenart, die in ihrem unterirdischen Gang auf Beute wartet. Einige Meter weiter gräbt sich ein Ameisenlöwe, eine Larve, blitzschnell im Sand ein.

Ein Nationalpark größer als Wales

Das Nordkap ist Südafrikas größte Provinz, und ganz an ihrem äußersten Zipfel liegt ein schmaler Streifen Land, eingeklemmt zwischen den Grenzen von Botsuana und Namibia. Hier beginnt die wüstenähnliche Sandlandschaft der Kalahari mit dem Kgalagadi Transfrontier Park, einem länderübergreifenden Nationalpark. Dank des Nationalparks können sich die einheimischen Tiere auf einer Fläche größer als Wales frei bewegen - kein Zaun hindert Leoparden, Gnus und Schakale am Überqueren der Ländergrenzen.

Etwa 250 Kilometer weiter südlich frisst sich der Orange River auf seinem Weg nach Namibia in den felsigen Boden. Die Sanddünen weichen hier beeindruckenden Felslandschaften, Schluchten und Stromschnellen begleiten den Lauf des mächtigen Flusses. Und dank des Wassers liegt hier fernab der Küste eines der ertragreichsten Weingebiete des Landes. Kilometerweit erstrecken sich die Traubenhaine, riesige Betonplatten stehen zum Trocknen der Früchte zu Rosinen bereit, Weingüter und Brandydestillen laden zu Verkostungen ein. Auf Wildnis muss man trotzdem nicht verzichten: Im Augrabies Falls Nationalpark an der namibischen Grenze leben Giraffen, Paviane und Leoparden direkt neben den donnernden Wassermassen des Augrabies-Wasserfalls.

 

Die Kalahari ist dagegen karg und trocken. Täler und Hügel leuchten in Erdtönen von ausgewaschenem, fast weißen Sand in den Tälern bis hin zu leuchtendem Rot auf den Dünen. Die Vegetation ist geprägt von stacheligen Kameldornbäumen und trockenem Dünengras. In den Sommermonaten legt sich tagsüber lähmende Hitze über die Ebene. Salzpfannen liegen ausgetrocknet dort, wo ehemalige Seen unter der sengenden Sonne verdampft sind. Der Salzabbau aus diesen Pfannen ist neben dem Tourismus einer der großen Wirtschaftszweige in der Region.

Um hier zu überleben, braucht es besondere Eigenschaften: Die Wurzeln der heimischen Akazienarten reichen bis zu 100 Meter tief in den sandigen Boden. Die massigen Oryxantilopen halten dank eines Kühlsystems in ihrer Nase Körpertemperaturen von bis zu 46 Grad aus. Und sie kennen besondere Wasservorräte: Die nach den Tieren benannten Oryx-Wurzeln haben einen hohen Wasseranteil. Sie schmecken zwar abartig bitter, bewahren aber vor dem Austrocknen.

Am westlichen Rand des Parks, mitten im Nirgendwo, liegt hinter Dünen versteckt die «!Xaus»-Lodge. Das Ausrufezeichen steht für den Klicklaut in der Nama-Sprache, der durch Zungenschnalzen gebildet wird. Etwa zwölf Holzhütten stehen hier, verbunden durch Stege, auf einer Düne mitten im endlosen Sand. Die Stelzenbauweise soll Tiere fern halten – das klappt allerdings nur mittelmäßig. In der Nacht vor unserer Ankunft hat eine Hyäne das Ledersofa im Eingangsbereich zerlegt. Es duftete wohl zu verführerisch. Der Pool wird regelmäßig von einem Leoparden aufgesucht, der dort seinen Durst stillt.

Wir bekommen zwar keines der beiden Raubtiere zu Gesicht. Dafür taucht beim Abendessen eine der eigentlich sehr scheuen Wildkatzen neben der Lodge auf und beobachtet uns ruhig. In der Nacht heulen und gackern zwei Hyänen so laut, als schlichen sie direkt nebenan umher. Dabei streiten sie sich nur am unterhalb der Düne gelegenen Wasserloch. Die Nacht und die frühen Morgenstunden sind die Zeit der Raubtiere. Mit Jeeps und Scheinwerfern kann man sie in der Dunkelheit aufspüren – ihre Augen reflektieren gelblich in der Dunkelheit.

„Scheinwerfer runter!“, ordnet unsere Führerin Melissa auf einer der nächtlichen Safaris an. Denn die Autos haben ein paar Strauße aufgeschreckt. Blicken diese direkt ins Licht, sind sie für Minuten geblendet und leichte Beute, erklärt Melissa. Sie gehört zu den Mier, einer Ethnie, die neben den Khomani San zu den ursprünglichen Einwohnern der Kalahari gehört. Die junge Frau wuchs auf einer Farm im nahe gelegenen Rietfontein auf, bevor sie in der Küche der Lodge anfing und schließlich Führerin wurde. Gemeinsam mit Andries, einem San, gibt sie ihre Kenntnisse über die Kalahari weiter.

„Das hier ist eine Teufelskralle“, erklärt Melissa bei einem Buschspaziergang am nächsten Morgen und hält eine vertrocknete, sternförmige Pflanze in die Luft. Die getrockneten Wurzeln helfen gegen Rheuma oder Bluthochdruck, erzählt sie. Die Samen verwenden die San als Schmuckperlen. Ein besenförmiger Busch interessiert Andries. Der Strauch ist eine Art Waffe: Die San, die meist eine geringe Körpergröße haben, benutzten ihn früher als Kopfaufsatz. Zusätzlich angezündet, ließen sich damit Löwen in die Flucht schlagen, etwa um sie von einem erlegten Tier zu vertreiben.

Heute sind das Wissen und die Jagdtechniken der San und Mier hauptsächlich Folklore. In den 60er Jahren wurden die Völker aus der Kalahari vertrieben und ihrer traditionellen Lebensweise beraubt. Anfang der 2000er Jahre verhalf eine gemeinsame Klage den verbliebenen Gemeinden zur Rückgabe von 50 000 Hektar Land. Doch die Zeit der Sammler und Jäger war unwiederbringlich vorbei. Als zusätzliche Einkommensquelle wurde daher auf ihrem Gebiet eine Lodge errichtet, deren Erlös teilweise den beiden Gemeinden zukommt. „Aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob sie wussten, was eine Lodge ist2, bemerkt Anthony, einer der Mitarbeiter der «!Xaus»-Lodge.

Also betreibt ein tourismuserfahrenes Konsortium die Unterkunft. Die meisten Angestellten stammen aber aus den San- und Mier-Gemeinden. „Wir helfen, ihr Leben zu verbessern“, meint Richard Ilett, der Leiter der Lodge. Nur mit der Mentalität der San hat er hin und wieder seine Probleme: „Sie wollen das Leben genießen und chillen“, sagt er. Zeit spiele für sie eine andere Rolle, als seine Verträge und Arbeitszeitvorgaben es vorsehen. Und so kommt manchen San eher die Rolle der Statisten zu: In einem kleinen Bereich abseits der Lodge fertigen sie in traditioneller Kleidung Schmuck aus Straußeneiern und Springbockknochen. Die Gäste der Lodge bekommen so authentische Bilder und hübsche Andenken.

 

So seltsam es in Anbetracht der staubtrockenen Sandlandschaft anmutet – die Kalahari ist von zwei Flussbetten bestimmt. Auob und Nossob führten zwar vor fast 50 Jahren das letzte Mal Wasser. Trotzdem ist der Grundwasserspiegel in ihren Betten hoch genug, um Pflanzen und großen Säugetieren wie Gnus, Giraffen oder Löwen ausreichend Nass zu bieten. Zusätzlich werden die Wasserlöcher im Nationalpark durch Solarpumpen vor dem Austrocknen bewahrt. Das ist auch nötig: In der Dürreperiode, die seit fast vier Jahren anhält, sind fast alle Reserven verdunstet.

Um die wenigen Wasserlöcher drängen sich deshalb die Tiere. Der niedrige Wasserstand sorgt für Gereiztheit: Wenn Oryxantilopen, Gnus und Strauße sich um das kostbare Nass scharen, gilt das Recht des Stärkeren. Strauße müssen warten, der schwarzmähnige Kalahari-Löwe hat uneingeschränktes Trinkrecht. Stellt eine der Oryxantilopen mit ihren spießförmigen Hörnern im Gedränge die Rangordnung innerhalb der Herde infrage, kommt es trotz brütender Hitze zu Kämpfen – ein Staub aufwirbelndes Kräftemessen im Dunst des ewigen Sandes.

(dpa/tmn)

 

Reisezeit:

Im südafrikanischen Sommer von Dezember bis Februar steigen die Temperaturen schnell über 30 Grad, teilweise 40 Grad. In den Wintermonaten können die Nächte frostig werden. Beste Reisezeit ist daher März bis Mai und August/September. Tipp: Die heißen Sommermonate sind die beste Zeit für Raubtierbeobachtungen, da die Tiere sich hier oft in der Nähe von Wasserlöchern aufhalten.

Einreise:

Ein Touristenvisum wird bei Vorlage eines gültigen Reisepasses erteilt, der mindestens 30 Tage über das Ausreisedatum hinaus gültig ist und zwei freie Seiten enthält.

Anreise:

Direktflüge von South African Airways und Lufthansa ab Frankfurt am Main oder München nach Johannesburg, danach per Inlandsflug nach Upington. Von dort sind es etwa 250 Kilometer bis zum Kgalagadi Transfrontier Park und etwa 120 Kilometer zum Augrabies Falls Nationalpark. Beide Parks können Besucher entweder mit eigenem Wagen oder über geführte Touren besuchen.

Übernachtung:

Zeltplätze ab etwa 280 Rand (18 Euro), Chalets und Cottages innerhalb der Parks für 1000 bis 2000 Rand (65 bis 135 Euro), außerhalb auch günstiger. Zusätzlich werden Eintrittsgelder für die Nationalparks fällig.

Währung:

Südafrikanischer Rand. 1 Euro entspricht etwa 15 Rand. Kreditkartenzahlung ist fast immer möglich, Geldautomaten gibt es im oberen Nordkap selten – ausreichend Bargeld mitnehmen.